Peter Erismann

Kunsterlebnis: Malerei und Raum

Energie, Bewegung, Farbe, Licht, Explosion, Transformation - es war eine nachhaltige Begegnung mit moderner Malerei und ihren Möglichkeiten. Sie hat mich physisch ergriffen, überwältigt und in den Bann geschlagen. Zeit: Anfang der achtziger Jahre. Ort: Haus der Kunst in München in der Ausstellung Amerikanische Malerei. Jackson Pollock, Willem de Kooning, Clifford Still, Cy Twombly, Mark Rothko, Barnett Newman, Sam Francis, Andy Warhol. Ich wusste nicht viel von Kunstgeschichte, und dass die amerikanischen Maler mit ihrem abstrakten Expressionismus, die europäische Kunstszene in den 50er und 60er Jahren aufgemischt und verändert hatten, las ich erst später. Bis heute sind einige dieser Namen meine Helden der Malerei und in der Phantasie reise ich jeweils – weil mir die Zeit fehlt - zu ihren grossen Retrospektiven nach London oder New York oder besuche wenigstens das Kunstmuseum Basel, wo im grossen Treppenhaus einige grossartige Werke der Amerikaner dauernd hängen. Die Begegnung mit ihren kraftvollen und gestischen Werken damals in München war einschneidend, weil ich zu ahnen begann, dass Kunst eine grosse Kraft ist. Später kam das Nachdenken darüber dazu und die persönlichen Beziehungen zu meinen künstlerisch tätigen Freunden, mit deren Werken wir zuhause seit vielen Jahren unverzichtbar leben. Beeindruckt haben mich im Haus der Kunst natürlich auch die riesigen Formate der Bilder, die in den gewaltigen Dimensionen dieses Museums, das leider aus den dunklen Jahren der deutschen Geschichte stammt, ihre Wirkung entfalten konnten. Ich erlebte eine erste Ahnung davon, dass Kunstwerke ihren Raum brauchen und wie man als Ausstellungskurator damit umgehen kann.

Ein weiteres nachhaltiges Erlebnis mit Raum und Kunst hatte ich etwa zehn Jahre später im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris. Rémy Zaugg, selber Künstler, inszenierte eine Ausstellung mit dem Werk Alberto Giacomettis. Er tat dies mit der Zurückhaltung eines erfahrenen auteur d'exposition, der sich einer eigenen Handschrift jedoch nicht scheut. Unvergesslich geblieben sind mir die Miniaturskulpturen (Büsten, Köpfe, Figuren), die Giacometti während den Kriegsjahren im Genfer Exil in einer Zündholzschachtel mit sich in der Jackentasche herumtrug. Winzige Keimzellen und Vorstufen seiner grossen Figuren, wie L'Homme qui marche oder Grande femme, die er nach der Rückkehr in Paris endlich realisieren konnte und die durch ihre radikale Reduktion wesentlich zur Bedeutung von Giacomettis Werk beigetragen haben. Zaugg stellte diese kleinen Objekte – mutig genug - einzeln in sehr hohe (bestehende) Raum- und Lichtschächte und erzeugte dadurch eine vibrierende, unglaubliche Spannung zwischen Kunstwerk und Architektur. - Solche Möglichkeiten des Arbeitens im Raum und die Kraft der Malerei haben mich stark geprägt und faszinieren mich bis heute.

Peter Erismann ist Ausstellungsleiter Schweizerische Nationalbibliothek Bern und Centre Dürrenmatt Neuchatel, freier Kurator und Herausgeber, Vorstandsmitglied Kino Kunstmuseum Bern. Er hat den MAS Kulturmanagement an der Universität Basel 2005 abgeschlossen.
© Peter Erismann & SKM - Studienzentrum Kulturmanagement der Universität Basel