Im Olymp
Es war ein klirrend kalter Wintertag im Januar 2003. Im Hotel Metropole in Brüssel war ich zum Gespräch mit den belgischen Filmregisseuren Jean-Pierre und Luc Dardenne verabredet. Für ihr furioses Arbeitslosendrama "Rosetta" hatten die Frères einige Jahre vorher an den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme gewonnen. Aus Anlass ihres neuen Films "Le fils", einem klaustrophobischen Drama um Schuld und Vergebung, war ich ihnen für ein Interview entgegengereist. Gespannt, nervös.
Und dann sassen sie da, die Arbeitersöhne aus Liège, etwas fremd auf den dunkelroten Ledersofas in der Bar dieses Belle-Epoque-Hotels: Jean-Pierre, der ältere, ausgebildeter Schauspieler, und Luc, der Philosoph. Wir sprachen über das Drehbuchschreiben zu zweit, die Arbeitsteilung am Set, über die Verführungskunst des Dokumentarfilms, mit dem sie in den 1970er Jahren ihr Oeuvre eröffnet hatten, und die Gestaltung des fiktiven Raums, darüber, was eine Kamerafahrt über den Rücken einer Figur von unten nach oben beim Zuschauer auslöst – und über die Angst vor dem Scheitern. Oh ja!
Im rechten Winkel zueinander sitzend, sich zugewandt, redeten sich die Brüder ins Feuer; sie fielen sich ins Wort, sie widersprachen, sie neckten sich, eigenständig und vertraut zugleich: mais non, mais si! Aus der vereinbarten einen Interviewstunde wurden zwei, wurden drei. Und wie von selbst schälte sich im Verlauf der Auseinandersetzung die Essenz ihrer kraftvollen, rohen Sozialdramen heraus. Die Dringlichkeit des Erzählten. Die formale Strenge. Eine unbestechlich humane Haltung. Nie zuvor und nie wieder danach habe ich mehr über die Filmkunst (und vielleicht die Kunst des Lebens) erfahren als in dieser Begegnung. Aber auch, dass Belgien und die Schweiz trotz gemeinsamer Mehrsprachigkeit nicht vergleichbar sind, wie Luc Dardenne entschieden-lächelnd betonte.
Für "L'enfant" gewann das Brüderpaar 2005 die zweite Palme'Or von Cannes, für "Le gamin au vélo" 2011 den Grossen Preis der Jury. Götter im Filmolymp.
© Dr. Nicole Hess & SKM - Studienzentrum Kulturmanagement der Universität Basel