Entdeckung eines Kosmos
Meine frühesten Erinnerungen an ‚Kultur' sind, abgesehen von Gaumenfreuden, Tessiner Volkslieder. In Locarno geboren, lauschte ich ihnen, wenn meine zugezogenen Eltern sie am Feierabend mit den Einheimischen sangen. Zusammen mit einer Sehnsucht nach dem Süden sind die Melodien in mir lebendig geblieben. Überhaupt war Musik wichtig in meiner Kindheit und Jugend, unbedingt wollte ich Geige spielen lernen und stritt mit meinem Bruder, wer grösser sei: Mozart oder Beethoven (später: Beatles oder Rolling Stones, Dylan oder Zappa)? Mit acht erlebte ich die erste Oper, Verdis ‚Rigoletto', die mich tief bewegte und nachhaltig für die Theaterwelt begeisterte. Zuvor hatte ich bereits im Basler Marionettentheater Bühnenluft geschnuppert, als Teenager wirkte ich selbst in einer Theatergruppe mit.
Doch die Reisen in imaginäre Welten hatten schon viel früher begonnen, mit den Gutenachtgeschichten. Durch die Schule kamen das Selberlesen und das Schreiben hinzu, beides empfand ich als eine ungeheure Befreiung und Befriedigung! Nichts war mir lieber, nichts verteidigte ich vehementer als die Zeit dafür. Kinderbücher wie ‚Nils Holgersson', ‚Jim Knopf', ‚Die schwarzen Brüder', ‚Der rote Seidenschal' sowie Romane aus der elterlichen Bibliothek waren meine Favoriten und Vorbilder. Comics lernte ich erst viel später kennen, sie galten damals als minderwertig.
Auch an frühe Kinobesuche kann ich mich nicht erinnern, und trotz einiger Tanzstunden ist mir die Sparte Tanz lange fremd geblieben. Dafür gingen wir sonntags häufig ins Museum, am liebsten ins naturhistorische oder ins anatomische, das war faszinierend gruselig. Und an keiner Kirche konnte mein Vater vorbeifahren, ohne einen Blick hineinzuwerfen oder eine kenntnisreiche Bemerkung zu machen. Von seinen Geschäftsreisen brachte er ‚ausländische' Kultur mit: einen Wandbehang mit ägyptischen Göttern, pelzbesetzte Stiefel aus dem hohen Norden, ein schwedisches Holzpferdchen, einen Anhänger mit jüdischer Symbolik. Die Kultursaat gedieh, war Rettung in einer rebellischen Jugend, führte zu einem Berufsleben im Kulturbereich. Kulturliebe war meinen Eltern nicht in die Wiege gelegt, und auch meine Brüder schlugen beruflich andere Wege ein. Doch bis heute pflegen und geniessen alle ihre kulturellen Aktivitäten, von der Kochkunst über den Sport bis zur Wissenschaft. Mein jüngstes Kultur-Highlight ist übrigens uralt: die Glocken des Basler Münsters, die das neue Jahr 2012 einläuteten. Ihr voller Wohlklang und ihre archaische Kraft wirkten noch tagelang nach.
© Dagmar Brunner & SKM - Studienzentrum Kulturmanagement der Universität Basel