Dr Walti chunnt
Ich muss etwa sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, als Walter Wegmüller zum ersten Mal zu meinen Eltern nach Hause kam. Er hat mich damals sehr beeindruckt mit seinem Hut, dem weissen Hemd, dem schwarzen Grossvatergilet und dem rot-weiss gemusterten Appenzellertuch im Kragen. Besonders angetan hatten es mir aber der Ohrring, ein Fingerring sowie Bart und Haartracht. Es gab ein Abendessen, er schenkte mir eine Zeichnung und ich schenkte ihm auch eine. Dann ging er, der damals wohl auch für meine Eltern noch "Herr Wegmüller" hiess, wieder.
Erst Jahre später habe ich herausgefunden, was es mit diesem Besuch auf sich hatte: Walter hatte meinem Vater in dessen Funktion als leitender Angestellter einer Fabrik für Haushaltsgeräte einen Brief geschrieben mit dem Vorschlag, einen Staubsauger gegen ein Bild für das Direktionszimmer der Firma einzutauschen. Er, Walter, habe eine Familie, wenig Geld, aber viele Bilder und brauche dringend einen Staubsauger. Die Firma meines Vaters habe viele Staubsauger, viel Geld, aber sicher zu wenig Bilder. Als Angestellter hat sich mein Vater nicht auf dieses Ansinnen einlassen können, wohl aber privat. "Dr Walti", wie er bald hiess, kam immer wieder, und unsere Wohnung begann sich langsam aber sicher mit Walti-Bildern zu füllen. Mit der Zeit getraute ich mich nicht mehr, Walti eine Zeichnung zu schenken, wenn er eine brachte. Dafür kaufte ich an einer Zigeuner-Chilbi in Basel meine ersten beiden eigenen Walti-Bilder, einen Luftsprung und einen Mann auf seinem Töff mit einer Schnapsflasche unter dem Mantel. Zum Glück rissen Walters Besuche nicht ab, denn ich genoss es – und geniesse es heute noch – ihn zu sehen. Das Wundertütenartige, die unaufhörliche Produktivität, das ständige Sich-Aneignen und In-neue-Zustände-überführen von allem, was ihn interessiert, zog mich an. Er war der vollkommene Sammler, der totale Enzyklopädist, wenn auch mit einem etwas eigenwilligen Klassifizierungssystem. Später, nach meinem ersten Atelierbesuch in Basel, war ich von der Menge des Materials schlicht erdrückt und konnte mir nicht vorstellen, woher er all diese Bilder in seinem Kopf nahm. Dieser nie versiegende Strom hat mich lange beschäftigt und auch ein wenig eifersüchtig gemacht. Über die Bedeutung von Walters Bildern oder über die Symbolik der zahllosen Zeichen, die darin zu finden sind, habe ich mir nie Gedanken gemacht. Das war einfach eine Sprache, die immer schon da war, mit der ich aufwuchs und die mich selbstverständlich umgab. Es gab darin nichts zu verstehen, was man nicht selbst hätte sehen können; es gab auch kein Bedürfnis nach Erklärungen oder "Lesehilfen".
Noch heute, mehr als dreissig Jahre und viele Walti-Bilder später, schlägt mein Herz höher, wenn es heisst, "dr Walti chunnt". Das ist immer ein Grund, nach Hause zu gehen. Am liebsten hat er Spaghetti.
© Basil Rogger & SKM - Studienzentrum Kulturmanagement der Universität Basel